1916

Aus 100 Jahre SP Arbon
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Der Winter setzt mit Schneefall ein. Die Grenze zu Deutschland ist wieder offen.

Im März fortwährender Kanonendonner aus dem Elsass. Neuerdings wieder Grenzsperre zu Deutschland.

Am 15. Januar 1916 versammelt sich die Arboner Sektion des Grütlivereins zur Jahreshauptversammlung. «Nebst den statutarischen Traktanden, wie Rechnungsabnahme, Tätigkeitsbericht, Vorstandswahlen etc., gilt es, zu der viel umstrittenen Frage der Parteieinheit definitiv Stellung zu nehmen», schreibt die Verbandszeitung «Grütlianer» und fordert die Mitglieder in «der sozialistischen Hochburg des Thurgaus» auf, vollzählig zu erscheinen und der Parteifusion einmütig zuzustimmen.

Die Sozialdemokratische Mitgliedschaft ruft alle Mitglieder auf den 2. März 1916 in den «Schützengarten» zur Generalversammlung, bei der die Fusionsangelegenheit als wichtige Frage auf der Traktandenliste steht. Die Hoffnung, dass die ersehnte Parteieinheit zur Tatsache werden kann, gründet auf einer als grosszügig beurteilten Offerte des Grütlivereins. Auch wenn kein Protokoll dieser Versammlung vorliegt, ist es naheliegend, dass Zustimmung beschlossen wird.

Am 20. Mai findet die Urabstimmung des Grütlivereins Arbon zur «vollständigen organisatorischen Einheit» mit der Sozialdemokratischen Partei statt. Die Notwendigkeit zusammen für die gleichen Kämpfe und die gleichen Ziele einzutreten, überzeugt in der Diskussion und die Abstimmung in der Sektion Arbon ergibt 42 Ja- zu 4 Nein-Stimmen.

Samstag, 8. Juli 1916: Im Restaurant Schützengarten an der heutigen Bahnhofstrasse 20 findet die Gründungsversammlung der Sozialdemokratischen Partei Arbon statt. Es handelt sich rechtlich betrachtet um eine Neugründung, faktisch um eine unvollständige Fusion von lokalem Grütliverein und lokaler Sozialdemokratischer Mitgliedschaft. Die Statuten werden genehmigt. Mehrere Anträge zu verschiedenen Paragraphen werden diskutiert und jeweils zugunsten des Entwurfs entschieden. Das Protokoll hält als Ergebnis fest: «Es verdient in diesem Momente festgelegt zu werden, dass nun die Parteieinheit in Arbon zustandegekommen ist und mit Annahme des Parteistatuts werden nun alle politischen Aktionen viel einfacher gestaltet werden können nicht zum Schaden der Partei.» Als Präsident wird Jacques Sigrist gewählt. Ein Bericht über die erfolgte Parteigründung findet sich nicht einmal in der «Thurgauer Arbeiter-Zeitung».

Die Frauen spielen in den Kriegsjahren eine wichtige Rolle. So finden im Jahr 1916 verschiedene Frauentage in Arbon statt: Am 26. März feiern sie zum sechsten Male den Frauentag im Restaurant Schützengarten. Thema sind die Rechte und Pflichten der Frau. In den gegenwärtigen schweren Zeiten seien die Frauen auf die Militär- und Notunterstützungen angewiesen, um ihre Familien durchbringen zu können. Darum fordern sie «Gleiche Arbeit, gleicher Lohn! Gleiche Rechte, gleiche Pflichten!» sowie das Stimm- und Wahlrecht. Sie wollen sich nach dem Versammlungsbericht nicht missbrauchen lassen, «ihren Männern als Lohndrückerinnen in den Rücken zu fallen und ihnen den Kampf ums Dasein für sie und ihre Familien zu erschweren». Zum Arbeiterfeiertag heisst es in der «Thurgauer Arbeiter-Zeitung»: «Frauen voran am 1. Mai!». Der Krieg habe die Lösung der Frauenfrage zu einer brennenden gemacht. Sei die Frau bisher Gehilfin des Mannes gewesen, sei sie jetzt an die Stelle des Mannes selbst getreten, doch ohne dessen Rechte zu besitzen. – An der Mai-Feier ist auch Fotograf Max Burkhardt präsent. Seine Ausbeute: «neun schöne Ansichtskarten». Die Arbeiterunion lässt deshalb in der «Thurgauer Arbeiter-Zeitung» folgendes mitteilen: «Die Karten sind einige Zeit im Schaukasten der «Arbeiterzeitung» ausgestellt und wird jeder, der diese schönen Bilder sieht, ganz speziell von den Kindergruppen, sich einige anschaffen. Dieselben sind zum Preise von 20 Rp. beim Ersteller zu beziehen.»

Friedrich Adler erschiesst den österreichischen Ministerpräsidenten Karl Graf Stürgk wegen seiner diktatorischen Politik. Der zum Tode verurteilte, dann begnadigte Adler wird am Sozialistentreffen vom 14. August 1927 in Arbon sprechen.